Melchior, Ricardo

Präsident des Cabildo von Teneriffa seit 1999

* 18.02.1947 in Santa Cruz de Tenerife

Seit 1999 weiß El Presidente mit absoluter Mehrheit und Sicherheit, und 12 Jahre lang davor schon als Vizepräsident und wirtschaftlicher Chef-Entwickler der Insel, was er und Teneriffa sich schuldig sind.

Ricardo Melchior ist gelernter Naturwissenschaftler … und geborener Künstler. Rechenkünstler von Beruf und virtuoser Politik-Regisseur aus Berufung. Seine drei erlernten Ingenieursberufe hat er nie ausgeübt, sondern angeborene und erlernte Talente genutzt, um erst einen Hafen-Chef, dann einen alternativen Energieforscher und schließlich einen Spitzenpolitiker, Chefplaner und Inselpräsidenten daraus zu machen. Was immer er tut – er macht es mit deutscher Gründlichkeit. Das kommt von der deutschen Abstammung von Vaterseite und von seiner Prägung als Student in Aachen.

Als Generaldirektor der Hafengesellschaft war er nach seinem Studium in Aachen ab 1977 vier Jahre lang Herr über Kräne und Gabelstabler und von 1981 bis 1987 UNELCO-Verantwortlicher für Forschung und Entwicklung regenerativer Energien. Es folgten ab 1987 zwölf Jahre als Vizepräsident des Cabildo als Planungschef und verantwortlich für die wirtschaftliche Entwicklung Teneriffas. Und seit 1999 regierender Insel-Präsident der Coalicion Canaria und der Nationalisten der ATI.

Mit diesem Werdegang bewegt er sich in der Tradition der Familie. Sein Vater hat seinen Rechtsanwaltsberuf auch nie ausgeübt. Sondern das juristische Rüstzeug genutzt, um einige Dutzend Unternehmen auf Teneriffa zu gründen und zu etablieren. Für den EBRO-Konzern, Papierfabriken, Zementplattenfabriken, Hersteller und Betreiber von Bewässerungsanlagen, bäuerliche Bananen-Produktionsgesellschaften wie die “Agricola de Tenerife”. Der Teneriffa-Einwanderer aus Hamburg war damals, genau so wie schon die Vorfahren seiner Frau Mercedes aus Spanien und Frankreich hoch willkommen und konnten sich auf höchstem gesellschaftlichem Niveau integrieren.

Von den beiden Söhnen, welche Kontinuität, studiert der 24jährige Nicolas das Fach und die Vorlieben seines Grossvaters – Jura und Betriebswirtschaft. Der 22jährige Ricardo studiert Ingenieurswissenschaften, in San Sebastian wie sein Vater. Auch mütterlicherseits bleiben sich die Melchiors treu und halten penibel Kurs. Der Cabildo-Präsident: “Das waren auch alles Rechtsanwälte, Dichter, Politiker und Marineoffiziere.”

Die gleiche Lust zum Untertreiben betrifft schon seine Schulzeit. Vater Ricardo hatte 1951 gerade zusammen mit Partnern die Deutsche Schule von Santa Cruz nach dem Kriege wieder eröffnet und sich einen Schulvorstand organisiert. Sein Sohn war einer der ersten Schüler. “Und was für ein wilder!” Wäre der Vater nicht Schulvorstand gewesen, behaupten manche, wäre der Sohn nicht alt geworden auf der Schule, und erinnern an Schülerstreiche, die schon einen anderen Präsidenten auszeichneten: Altbundespräsident Roman Herzog. Scheint was dran zu sein, denn Ricardo Melchior beeilt sich mit einem Ablenkungsmanöver: Sein alter Schuldirektor Arnold und Lehrer Kreiner würden sich heute noch bei ihm im Büro einfach zum Kaffeetrinken melden, wenn sie wieder mal im Land sind – als sei der Stolz seiner Lehrer auf “ihren” Präsidenten ein Beweis seiner Harmlosigkeit als Schüler.

Wenn gelegentlich Glück seiner Karriere nachgeholfen hat, amüsiert ihn das heute. Aus Langeweile beim Militärdienst habe er sich montags eine bestimmte Zeitung besorgt. Die Bundesrepublik Deutschland vergab darin spanienweit 13 DAAD-Stipendien. “1000 Mark im Monat waren damals viel Geld.” Ricardo Melchior qualifizierte sich von insgesamt 750 Antragstellern zuerst unter den letzten 40. Dann kam nach einem Monat die kalte Dusche auf deutschem Botschaftspapier: “Sie belegen leider nur Rang 14, und sind ausgeschieden”. Schon drei Tage später, erinnert sich der Präsident noch heute, folgte die Korrektur: “Ich war auf Platz 13 vorgerückt, und bekam das nach Deutschland.”

Die “14” war drei Jahrzehnte später beim Wahlerfolg von 1999 auch wieder seine alles entscheidende Glückszahl. Nur dieser 14. Sitz sicherte ihm absolute Mehrheit und Präsidenten-Chefsessel im 27-sitzigen Cabildo de Tenerife. Bereits einmal spanischer Diplom-Ingenieur für Maschinenbau, nutzte Melchior seine drei Jahre an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen, um zwei weitere Ingenieurs-Diplome draufzusatteln. “Was am schnellsten ging, wurde genommen – Fertigungstechnik. Für einen, der schon Ingenieur war, eine bessere Examensarbeit.” Mit dem gleichen Faible für Timing und Zeitmanagement sicherte sich Frühaufsteher und Vielfach-Ingenieur Ricardo Melchior in der Hälfte der üblichen Zeit ein weiteres deutsches Ingenieurs-Diplom, das als Wirtschafts-Ingenieur. Blieb ihm, dem spanischen Ingenieur und Aachener Ingenieur-Studenten aus der Karnevalshochburg Santa Cruz denn da überhaupt noch Zeit, sich in den ebenso populären Aachener Karneval zu stürzen? “Nicht oft, aber heftig!”

Ricardo Melchiors besonnenes Abwägen weicht entschlossenem Rigorismus, wenn vom Umweltschutz die Rede ist. Seit seiner Studienzeit hat er sich, erst privat im Kommilitonen-Kreis, später professionell als UNELCO-Chefforscher, um regenerative Energien gekümmert. Heute hält Melchior engen Arbeitskontakt mit allen deutschen Forschungsinstituten für alternative Energien und ist Ehrenmitglied im wissenschaftlichen Beirat ISET in Kassel, dem auch drei deutsche Ministerkollegen angehören. In ganz Europa ist Melchior als erfolgreicher Aufforster und Brandbekämpfer Teneriffas hoch geschätzt.

Seit 1999 hat er mit rigorosen Präventionen wie einem engmaschigen Netz an Löschtanks in den Cañadas Zahl der Brände auf Teneriffa auf ein Zehntel reduziert und den Waldbestand verdoppelt. Weil im August die Brandgefahr am akutesten ist, fährt Ricardo Melchior vorsichtshalber meist gar nicht erst weg in den Urlaub. Trotz der Hitzewelle 2004 auf Teneriffa gab es hier keine nennenswerten Brände – ganz im Gegensatz zu Gran Canaria. Bei so viel Glaubwürdigkeit nimmt man es ihm auch ab, wenn er den provokant wirkenden und in der EU illegalen “Schotten-dicht-Ausländerkurs” seiner Nationalistischen Partei “grün”, also mit Natur-schutzargumenten, begründet. Die Aufnahmefähigkeit der Natur sei mit 1 Million Menschen erreicht. “Wenn ein Schiff überladen wird, geht es unter.” Eine harte Nuss gibt Melchior damit den Brüsseler Eurokraten zu knacken: eine grün lackierte Festung Teneriffa im grenzenlosen Europa – einen so schwierigen Sünden-Fall hatte die EU schon lange nicht mehr.

“Teneriffa”, so Melchior in allem Ernst, “hat mit 20 Einwohnern pro Hektar die gleiche Bevölkerungsdichte wie große mitteleuropäische Städte erreicht: wie Aachen, Mannheim, Regensburg.” Der Präsident ist dabei so engagiert und überzeugend, dass die meisten Zuhörer gar nicht nachrechnen. Und damit gar nicht realisieren, wie er die Gesamtbevölkerungszahl Teneriffas inclusive Touristen nur durch ein Viertel der Insel-Fläche teilt, als würde in Aachen oder Regensburg auch alle landwirtschaftlichen Flächen, Parks, Seen und Wälder aus den Stadtflächen herausgerechnet.

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