Einzelnen Beitrag anzeigen
  #4 (permalink)  
Alt 23.09.2007, 10:43
Benutzerbild von Waltraud
Waltraud Waltraud ist offline
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 16.04.2007
Ort: Elsass
Beiträge: 255
Waltraud befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Standard

Guten Morgen, liebe Forianer, jetzt habt ihr mich doch am heiligen Sonntag in aller Frühe dazu gebracht, das Hirn einzuschalten.
Ich hab den Einbürgerungstest bestanden jawohl. Gleich zweimal hintereinander , hab bloß die Literaturpreisträger durcheinandergewürfelt.Ein dreifach Hoch oder so ähnlich.Ich dürfte , wenn ich denn wollte , also doch wieder rein.
Voller Euphorie bin ich das Ganze dann mal anders angegangen.Wer ,um Himmels Willen, versteht dieses deutsche Kauderwelsch denn überhaupt wenn er aus dem Ausland kommt?
Und wen - man verzeihe mir - interessiert den, was da irgendwelche Maler irgendwann mal gepinselt haben ?Und wer was geschrieben hat ?
Ich würde bei diesem Stand der Dinge allen Einwanderungswilligen ein paar Studiengänge empfehlen.
Alsoooooooo mal überlegen - erstmal ein Deutschstudium damit man das alles auch schön versteht, was denn da gefragt wird. So als Grundvoraussetzung mal.
Dann auch natürlich Geschichte, Literatur ,Politwissenschaften, Medizin und Kunst.
Sollte das dann alles gewissenhaft studiert worden sein ,könnte unter Umständen mal testweise mit dem Test gearbeitet werden.
Dann sieht man ja wo es klemmt und man kann anhängen was noch fehlt.
Ich bekomme heute Mittag Besuch ,es sind - so hoffe ich auch die Kinder dabei.Die werd ich mal an den PC jagen Test machen .
2 junge Engländerinnen, die hier geboren sind, hier beide Abi gemacht haben und mitten im Studium sind. Und grad hat sich noch jemand angemeldet -hach das wird ein Testnachmittag werden .Ein junger Deutscher dabei mit Hauptschulabschluss und fertiger Lehre.
Ein Glück wir haben 2 Teststationen.
Ich werd von PC zu PC wetzen und Euch , liebe Forianer ,sofortigst mitteilen was nun Sache war, sobald die aus dem Hause sind.
Versprochen.
Und zu dir sanmiguel - ich brauch nicht mal die Hand aufs Herz legen - ich würde mit Sicherheit NICHT eingebürgert werden.
Dieses kulturelle Wissen über Spanien fehlt mir schlicht und ergreifend.
Ich finde, das kann man sich auch nur dann aneignen, wenn man sehr sehr lange irgendwo wohnt und sich sehr intensiv mit dem Land, seiner Geschichte und Kultur beschäftigt.
Das Wissen aus deutschen Landen ist einem ja auch nicht zugeflogen , da hat die Schule, die Eltern, das eigene Interesse an manchen Themengebieten und Gelesenes und Gehörtes aus vielen Jahren dazu beigetragen.
Also ich halte diesen Einbürgerungstest ehrlich für puren Schwachsinn.Statt dessen bitte Schild hochhalten : Bleibt doch gleich draussen, ihr schafft es eh nicht .

Jetzt beisst mich nur noch eins, die Definition von Heimat.
Also dazu hab ich persönlich ein sehr sehr gespaltenes Verhältnis.
So als der Nachkriegsgeneration angehörend ( hach das liest sich fast wie : es gab vor Jahrmillionen noch Dinosaurier grins ) hatte ich schon relativ früh komplette Identitätsprobleme als Deutsche. Begonnen hatte das, als ich heimlich unter der Bettdecke mir des nächtens die Nürnberger Prozesse im Kofferradio anhörte. Ich dachte zuerst das wäre ein Hörspiel oder so.
Mit Grauen wurde mir bewusst, was das tatsächlich war.
Es hat jahrzehntelang gedauert ,bis ich ohne Schamröte im Gesicht sagen konnte - ich bin Deutsche.
Sicher hat auch die Schule dazu beigetragen.Irgendwie hatte und habe ich kein richtiges Deutschland-Heimat-Gefühl und ich denke ich werde das auch nie kriegen .
Ich bin immer irgendwie da zu Hause, wo mein Herz ist. Und das ist immer da, wo meine Familie ist .Und da ja meine gesamte Familie mit auswandert ,denk ich mir mal, wird das dann auch wie üblich die Heimat sein, egal wohin es uns auf diesem Planeten noch ziehen wird.( Man weiss ja nie. )
Weltbürger und Schwabe , das triffts so in etwa, aber auch wirklich nicht ortsgebunden bitte.

Susana du glaubst nicht, wie sehr ich dir das nachfühlen kann mit der deutschen Kleinstadt.
Wir haben vor Kurzem eine Schulfreundin von mir besucht, die auch noch so im Kaff der Jugend haust .Ich hab mich königlich amüsiert ob den alten Zöpfen, die da immer noch gang und gäbe sind.
Schwaben ist ja bekannt für Kehrwoche, permanentes Strassenfegen , arbeitsame Menschen und so.
Aber was das selbst heute noch für Auswüchse hat ,ich hab mich gekringelt.
Pass auf : wer morgens als erstes die Rollläden oben hat und die Betten aus dem Fenster hängen ist die fleissigste Hausfrau im Ort. Also zieht man die Rollläden vor dem zu Bettgehen gleich wieder hoch.( Ja also ich hatte dann noch die Superidee, gleich alte Bettdecken vors Fenster zu nageln,das kam aber nicht wirklich gut an .)
Wer am Montag früh als erstes die Wäsche aufhängt ist auch siehe oben - also wäscht man die am Sonntag Abend heimlich heimlich und wetzt im Morgengrauen montags und hängt sie auf.
Du meinst das ist übertrieben ? Beileibe nicht , ich habs vor Kurzem erlebt. Und das sind nur ein paar kleine Beispiele . Klar weiss jeder über jeden Bescheid bis in die Steinzeit und wieder zurück, oder meint zumindest alles zu wissen.
Meine Mutter hatte das auch an sich, selbst hier im Elsass noch, das mit den Rollläden hochziehen und so, aber ich dachte, das sei bloß noch bei ihrer Generation drin.
Ich hab jedenfalls gelacht wie eine Irre, konnte mich nicht mehr einkriegen , musste mir aber anhören entweder du machst das so und gehörst dazu , oder eben nicht.Und man würde sich daran gewöhnen.
Ich liebe Schwaben und die Schwaben , aber bitte nur aus der Entfernung. Ich könnte und wollte das so nicht mitmachen. Sozusagen würde ich aus der schwäbischen Schublade überall rausquellen.
Ausser vielleicht beim Spätzle vom Brett schaben, da könnt ich allemale mithalten grins.

Daß die europäischen Mitbürger in Sachen Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit nicht dem allseits gepriesenen deutschen Standard entsprechen, das haben wir hier auch erlebt in Frankreich.
Nur also mal ganz ehrlich -wie sieht es damit denn in Deutschland unterdessen aus ?
GRAUSAM .
Klar wenn man sich verabredet ,sind die dann alle wesentlich pünktlicher als sonstwo.
Aber da wo es wirklich drauf ankommt , bei den Dienstleistungen , da kann man das langsam total vergessen.
Wir sind selbständig und daher auch noch viel in Deutschland zu Gange.
Als ich die Telefonicaerlebnisse unseres Sohnes im weblog nachempfunden habe, musste ich dran denken wie es uns mit der deutschen Telecom erging.
Wir haben nach der Übersiedlung ins Elsass 6 in Worten: sechs Jahre gebraucht, die deutsche Telecom zu überzeugen, daß wir keinen Anschluss mehr haben in Deutschland.Trotz persönlicher Abmeldung, Rückgabe gegen Beleg der damals geleasten Anlage.
Ja und in Frankreich dauerte es auch seine Zeit bis endlich mal der Internetanschluss flöppte, wie man es sich vorstellte.
Hab neulich bei einer Bekannten auf der anderen Seite der Grenze gemeckert, hier wären oft kleine Stromausfälle , wäre in Deutschland ja wohl stabiler. Sagte sie - ja früher mal .
Ich bin mir also nicht ganz sicher, ob das mit der deutschen Pünktlichkeit usw nicht nur eine vergoldete Erinnerung ist, wenn mal im gewählten Land nicht gleich alles klappt wie es soll.
Denn Deutschland hat sich doch sehr verändert in den letzten Jahren.

So jetzt geh ich ne Runde Kuchen in den Ofen donnern für meinen Einbürgerungstestbesuch , Belohnung muss ja sein.

Schönen Sonntag noch, es grüßt rührlöffelschwingend

Waltraud






___________