Gestern besuchte ich die Romería in Arafo, hauptsächlich, um einer erstmals auf TF urlaubenden Freundin die Ursprünglichkeit, Schönheit und Lebensfreude der kanarischen Folklore zu zeigen. Ich selbst habe bisher etwa 60-80 Romerías besucht und weiß, daß Arafo als Schwerpunkt der Volksmusikszene Teneriffa's gilt. Vor zwei Jahren allerdings war ich von der dortigen Romería auch schon nicht so arg begeistert.
Doch die diesjährige Romería schlug nach meiner Bewertung dem Faß den Boden aus - ich war wirklich ärgerlich über das, was ich sah - meine Begleiterin übrigens auch, die mich von sich aus bat, da doch wieder weg zu gehen.
1. Der Umzug begann mit etwas mehr als 1 Stunde Verspätung. Ich sag' ja nichts gegen eine geringfügige Verzögerung, aber wenn die Teilnehmer z.T. erst kurz vor 18.00 h kommen bzw. nicht aus den Lokalen raus- und von ihren Freunden wegzukriegen sind, ist das einfach schlechte Organisation und mangelndes Interesse. PS: Nichts gegen die "kleinen Fiestas am Rande", da war die Stimmung wirklich gut. Aber ich denke, es ist einfach Respekt gegenüber Tausenden von Wartenden, einigermaßen im Zeitplan zu bleiben.
2. Die auch von manchen Canarios als störend empfundenen Wartezeiten führten dazu, daß ungewöhnlich viele stark Betrunkene den Eindruck trübten.
3. Durch die Verspätung gab's für das letzte Zugdrittel auch kein gutes "Fotolicht" mehr, da die Zug-Strecke komplett im Schatten lag.
4. Eigentlich war's ja ein "Riesen-Ding" mit über 80 gemeldeten Gruppen. Aber Quantität ersetzt eben keine Qualität. Das erste Drittel des Zuges (und der Teilnehmer) ließ noch Bemühen um Aktivität, Musik, Tanz erkennen, aber dann wurde es stetig uninteressanter, da die Teilnehmer immer uninteressierter wurden. Manche Gruppen trampelten einfach nur ihren Vorderleuten irgendwie nach, ohne auch nur die kleinste Aktivität zu zeigen (Musik- und Tanzgruppen wohlgemerkt). Das nicht nur zufällig an einer Stelle, sondern ich begleitete, da fotografierend, die Gruppen z.T. mehrere 100 m Strecke und die aktivierten sich absolut nirgends - außer wenn sie auf Freunde am Straßenrand trafen. Da verließen sie sofort den Zug und stellten sich ratschend und tratschend zusammen! So hatte der Zug manchmal Lücken von 100 m Länge.
5. Es wurde unwahrscheinlich viel an "Gaben" daneben geworfen. Selbst verpackte Süßigkeiten oder unbeschädigte Bananen hob niemand auf und so war die Strecke sagenhaft "versaut".
6. Ich halte es für unpassend, wenn von Zugteilnehmern ständig Handy telefoniert wird. Auch die schwarzen riesigen Sonnenbrillen, die derzeit wohl obercool sind, gehören m.E. nicht in eine Romería, ebenso wenig wie Piercings, Ohrringe bei Männern oder starke Schmincke schon bei Kindern. Ach ja, Flip-Flops oder Turnschuhe natürlich auch nicht!
Von der Romería in La Orotava weiß ich es, daß das Kulturdezernat jeden Teilnehmer auffordert und kontrolliert(!), unpassende Kleidung und Schuhe, nicht traditionelle Accessoires wegzulassen. Die schicken unpassend gekleidete Teilnehmer zum Umziehen bzw. nach Hause und dort kommt das überwiegend gar nicht erst vor, daß Teilnehmer derart gedankenlos kommen.
Wie sind Eure Beobachtungen bei anderen Romerías? Was meint ihr z.B. zum Punkt "Handy-Gebrauch" während des Umzuges? Sollte man die traditionellen Werte eines erst in den letzten Jahren wieder erstarkten jahrhundertealten Brauchtums sorgfältig wahren oder ist's eben der Zug der Zeit, dem man sich ausliefern muß, damit die Jugend nicht wegbleibt? Aber wo sind die Grenzen, ab wann ist eine Romería denn nicht mehr das, als was sie gemeint ist? Und bleibt die Jugend und jeder echt Interessierte nicht gerade dann weg, wenn echte Bräuche zu irgendwelchem kollektiven Gejohle verkommen? |