Was mir an Teneriffa wirklich gut gefällt, ist die Multinationalität. Eskimos hab' ich hier noch nicht getroffen und keinen Bürger des Vatikans und komischerweise auch noch keinen Luxemburger und Liechtensteiner. Aber ich vermute mal, daß sich minimal 200 verschiedene Nationen auf dieser Insel hier rumtreiben, ohne daß das irgendjemanden sonderlich stört. Ich schätze mal, daß ca. 1 % der hier lebenden Menschen das "illegal" tun - Herr Beckstein würde wohl am integralem Schlaganfall zugrunde gehen, wenn er auch nur mit 0,1 % "Illegaler" in Bayern leben müsste.
Am vergangenen Sonntag hatte ich anläßlich des "Día de las tradiciones" in Chirche ein ziemlich eindrucksvolles Erlebnis in diesem Kontext. Chirche ist ein ebenso winziges wie hübsches Bergdorf an der Südwestküste, ca. 800 m hoch gelegen, 312 Einwohner in ca. 240 Gebäuden, wie mir die Organisationschefin des Traditionentags, Carmen Luz, erzählte (die ziemlich kuriose Relation zwischen EW- und Gebäudezahl rührt daher, daß mehr als die Hälfte der Häuser in Chirche leer stehen).
Wir saßen also auf der Plaza inmitten des folkloristischen Treibens, als plötzlich mehrere, insgesamt 10, kohlrabenschwarze Jugendliche auftauchten. Sie haben getanzt (mit Canarias, zu kanarischer Musik wohlgemerkt), sie haben den irgendwo rumstehenden Tischfußball okkupiert - und keinen hat's gestört, niemand hat's irgendwie wahrnehmbar auch nur registriert. Wir Extranjeros diskutierten, wo "die" wohl herkämen, haben auf Guía de Isora getippt mit der Bemerkung, daß daß Cabildo wohl ganz schön mutig wäre, offenkundig Illegale Cayuco-Flüchtlinge in so ein Berg-Ayto zu setzen. Wenig später hat mir auf meine Frage hin Carmen Luz erzählt, daß die Jungs (insgesamt 17) vom Cabildo in ein leerstehendes ehemaliges Schulgebäude einquartiert wurden, inklusive einem Betreuer/Mentor/Sprachlehrer und daß es nach einer kurzen anfänglichen Nervosität der Einwohner überhaupt keine Probleme und Animositäten gäbe.
Wir waren platt. Ich selbst habe länge Jahre in einer kleinen niederbayerischen Verwaltungsgemeinschaft gelebt, ca. 3.500 EW. Eines Tages wurden ca. 40 Russen einquartiert und der Krieg ging los. Auf der Straße, an der Schule. Man hat sich nur geprügelt, verbal und tatsächlich. Die Schulleitung nahm automatisch Partei gegen die Russen, auch in faktisch eindeutigen Situationen, wo die russischen Kinder nur um ihre Ehre und ihren Lebensraum kämpften. Dumm nur, daß sie körperlich so drauf waren, die niederbayerischen Jung-Stiere um sich herum sozusagen mit dem 2. Schlag in den Boden zu hauen... Ich war der böse Bube in der Gemeinde, weil ich als Vater zweier damals in dieser Schule schulpflichtiger Jungs dazwischen ging und erst mal reden wollte und Verständnis schaffen.
Hier in Chirche ist anscheinend ein kleines Wunder passiert. Ich vermute, daß
1. der Betreuer der Jungs einfach gut ist und charismatisch, sowohl gegenüber den Jungs als auch gegenüber dem Dorf
2. daß Carmen Luz als sehr kluge und beherzte Frau und Orts-Chefin das ihre tut, um den Ball flach zu halten
3. daß eben tatsächlich noch nichts vorgekommen ist an Diebstahl oder sonstiger Kleinkriminalität und daß auch nicht z.B. die Tochter des Dorfkrämers schwanger ist und nicht weiß von wem...
4. daß keiner der schwarzen Jungs eine Lehrstelle/Arbeitsplatz besetzt hat, den ein Canario gern gehabt hätte
5. daß hier eben das kanarische Phlegma, die Dinge so geschehen zu lassen, wie sie eben geschehen
unwahrscheinlich viel hilft.
Und im Sinne von ein klein bißchen mehr Frieden und Verständnis auf der Welt ist das schon ziemlich viel für ein Bergdorf wie Chirche... editiert von: sanmiguel, 26.07.2007, 09:06 Uhr [addsig] |