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Alt 08.12.2006, 14:11
Franco Franco ist offline
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Franco befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
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Hallo Loiiide 8-)

Ist bekanntlich Feiertag heute in Spanien und so habe ich die Zeit genutzt, um mal meine Compi-Archive etwas auszumisten.
Dabei stieß ich auf einen Artikel, den ich 2001 für das damals auf Lanzarote erscheinende KAKTUS-Magazin schrieb und der ganz gut hier reinpasst.

Alte Kanaren-Haudegen wie Sanmigel werden sicher wissen, was ich mit der "Melodie vom Dritten Mann meine"

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Die Melodie vom "dritten Mann"
... oder das Gefühl, wieder zuhause zu sein

Von kanarischen Überdosen und kanarischen Entzugserscheinungen

Hach! Man hat's schon schwer als Kanaren-Resident oder Vielfach-Langzeiturlauber. Mit was man sich da alles rumärgern muß, es ist manchmal nicht auszuhalten. Ich mag die Canarios und die Canarias (ich meine die Inseln) ja wirklich. Ehrlich!
Aber manchmal wär's wirklich schön, alles hätte so seine Ordnung wie in Deutschland, außer natürlich die Sache mit dem Klima. Apropos K(A)LIMA - Na, also die macht mir doch echt zu schaffen, diese staubgeschwängerte Luft. Du bekommst den Sand nicht mehr von der Windschutzscheibe, nicht vom Fußboden, geschweige denn aus der Nase oder sonstigen Körperöffnungen.

Na, wenigstens gibt es genügend Bars, um sich diesen Geschmack zumindest aus dem Mund zu spülen. Und es sieht einen hier niemand schief an, wenn man schon morgens was alkoholisches zu sich nimmt. Dabei wollte ich doch nur einen Cortado! Aber José stellt mir schneller, als ich gucken kann und ungefragt einen Carajillo hin. Wie aufmerksam! Aufmerksam auch, daß er das frischgespülte Glas nahm, was eben noch vor meiner Nase stand und an dem noch die letzten Schaumblasen des Spülmittels herunterliefen. Außerdem hat der den falschen Weinbrand reingeschüttet, ich habs genau gesehen!
Ich komme aber gar nicht dazu, mir Gedanken darüber zu machen, denn der Spielautomat in der Ecke macht sich ständig mit der Melodie vom dritten Mann bemerkbar.
Nunja, heutzutage ist das vielfach von Tekkno-Sound abgelöst worden. Auch nicht besser! Und noch schlimmer, wenn jemand spielt. Immer dieses nervtötende "¡ oh no !", wenn die Linie mit Fresas, Äppeln, Birnen oder sonstigem Gemüse nicht erreicht wurde am schon lange nicht mehr einarmigen, dafür aber Multi-Button-Banditen. Wär ja auch nicht soo nervenraubend, wenn nicht in der anderen Ecke Telecanarias in Überlautstärke und zudem in der nächsten Ecke zum tausendsten Mal der neueste Hit von Juan Luis Guerra laufen würde. Wie? Ja, stimmt. Ein Raum hat 4 Ecken, nicht nur 3.
Und in der 4. Ecke steht auch ein Geräuscheproduzent, der Zigarettenautomat. Hombre! Da wird das Ziggi-Holen noch zum echten Erlebnis, denn du wirst mit Melodien aus uralten Italo-Western beglückt - vorausgesetzt, du hast Kleingeld.
"Hey, José! Gib mir mal 3 Münzen, Veinteduros porfa!". Vergiss es! Der telefoniert grade mit der Verwandtschaft in Venezuela, ist nicht ansprechbar und hat zudem sowieso nie Suelto.
Jetzt, da ich mit einem spülmittelverseuchten Carajillo, ohne Glimmstengel und von Quattro-Sound in die Zange genommen dasitze (ich wollte doch nur meine Ruhe haben hier!), mir jemand fast das Kreuz bricht, indem er mir auf die Schulter schlägt mit dem obligatorischen "Coñooo! Que pasó?" *ächts* und Rosa Maria mich mit ihrem Putzfimmel von einem Barhocker zum anderen scheucht und nunmehr noch liebevoll den Tresen inklusive der Tapas mit Insektenvertilgungsmittel einsprüht, jetzt wird es Zeit, die Toilette aufzusuchen, ein stilles Örtchen eben, denn ich wollte ja hier nur meine Ruhe haben!

Also, mal so nebenbei bemerkt: auch für Spanischunkundige ist die Herrentoilette meist äußerst leicht zu finden, ganz egal ob da nun "Mozos - Mozas", "Caballeros - Señoritas" oder sonstwas geschrieben steht. Die Damentoilette ist meist abgeschlossen, den Schlüssel bekommst du nur am Tresen und man(n) folge einfach seinem Geruchssinn.
Spätestens, wenn du bis zu Oberkante Schuhsohle in einer gelb-braungefärbten Lache stehst, umgeben von sämtlichen Fäkaliendüften dieser Welt, spätestens DANN biste da, wo du hinwolltest.
Beim Pinkeln habe ich genügend Zeit, mir das vergilbte Schildchen der Autoridades Sanitarias durchzulesen: "desinfectado y desratizado ...". Ach? Muß wohl das letzte Mal während der Franco-Diktatur gewesen sein. Na dann doch lieber zurück zum garantiert keimfreien Tresen. Vorher noch kurz die Hände gewaschen ... auch ein zirkusreifes Kunststück, vor allem mit den Wasserhähnen der Firma ROCA. Seife, Handtücher oder gar Spiegel? Wer braucht denn sowas? Doch nur die Chicas und das Chica-Baño ist (ganau!) abgesperrt.

Wieder zurück hat sich der Lärmpegel merklich erhöht, denn es werden die Fußballergebnisse vom Wochenende diskutiert. Nichts wie raus hier! Ich verzichte beim Gehen auch darauf, mir aus dem Spender ein paar Servilletas zum Naseputzen (Mist-Kalima-Staub!) mitzunehmen, denn bei diesen wasserabweisenden Dingern landet das Zeugs überall, nur nicht da wo es soll. Aber eins findeste wenigstens in jeder kanarischen Kneipe - Zahnstocher! Wenn ich schon keine Zigis habe, dann steck' ich mir wenigstens einen Palillo zwischen die Zähne.
Draußen der nächste Schock. Da steht ein Sheriff der Policia Municipal an meinem Auto und kritzelt wie wild auf seinem Block. Als ich auftauche, brüllt er mich an, ob ich denn den Bordillo amarillo nicht sehe (Pah! natürlich hab ich ihn gesehen, es gibt ja fast nur noch gelbe Bordsteine und keine blauen mehr ...) und daß ich mit einer Multa von 5000 Pts. noch prima bedient wäre. Ich wußte gar nicht, daß die Jungs schon so früh auf den Beinen sind, geschweige denn, daß die überhaupt schreiben können. Aber egal.
Nun bloß keinen Fehler machen. Am besten doof stellen: "no compredro". Das wirkt nicht immer, aber immer öfter. Der zerreißt auch gleich den Strafzettel, brummelt noch irgendwas von "guiris de mierda" und "cabezas cuadradas" und zieht von dannen.

Das alles (und noch viel mehr) mag irre nervig sein. Aber ich sag' Euch was: nach ein paar Wochen oder Monaten Kanaren-Abstinenz fehlt es dir wahnsinnig und du hast regelrechte Entzugserscheinungen nach dem Coño-Geschrei, den Bordillos amarillos, den Municipales, den Rosas und Marias mit ihrer Giftkeule und den Klo's ohne Seife und Handtuch. Und immer wenn ich zurückkehre und die Melodie vom dritten Mann höre, dann weiß ich: ich bin wieder daheim!

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